Interview

Chance für den Neuanfang

Durch die Corona-Krise wurden in vielen Unternehmen Mängel an moderner Organisation und Infrastruktur genauso wie an starken Planungs- und Analysetechnologien offenbar. Eine Chance für den Umbau, sagt Experte Heiko Fink.

BIM: Die Unternehmen reagierten auf die Krise mit Sofortmaßnahmen etwa zur Liquiditätssicherung, zum Gesundheitsschutz und für die Einrichtung von Homeoffices. Was muss jetzt folgen?
Fink: Da die Umsatzeinbrüche nicht von heute auf morgen verschwinden werden, sollten die geschaffenen Anpassungen auf eine stabile mittelfristige Ebene transferiert werden: Wie etwa können die Kosten gesenkt, die Remote-Arbeit integriert, die Lieferketten abgesichert sowie Büro- und Fabrikräume umgestaltet werden?

BIM: Inwieweit gilt es, die bestehenden Geschäftsmodelle umzubauen?
Fink: Das Management muss jetzt prüfen, ob die bestehenden Umsatz- und Gewinnkalkulationen ebenso wie die Geschäftsmodelle überhaupt noch in die Zeit nach Corona passen: Muss beispielsweise das Portfolio bereinigt werden? Sollten wir die Investitionen in neue Märkte verstärken? 

BIM: So bietet die Krise auch Chancen?
Fink: Unternehmen, die sich jetzt finanziell wie auch strategisch schnell und klug aufstellen, haben gute Chancen, gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Diejenigen, die dies nicht schaffen, werden es schwer haben und um ihr Überleben kämpfen müssen. Selbst die von der  Corona-Krise eher profitierenden Industrien müssen die Weichen neu stellen – etwa weil sich innovative Technologien immer schneller durchsetzen und neue Zusammenarbeitsformen etabliert werden. 

BIM: Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei der Neuaufstellung?
Fink: Eine Hauptrolle – in allen Bereichen:  von der Organisation der Remote-Arbeit bis hin zu einer intelligenten Szenarienrechnung im Finanzwesen. Konstatierte Schwächen sollten mit ehrlichen Fragen angegangen werden: Wie schnell konnten wir auf welche Probleme reagieren? In welchen Bereichen mangelt es an standardisierten Geschäftsprozessen? Wo fehlt der Zugriff auf Echtzeitdaten? 

BIM: In welchen Bereichen ist die Digitalisierung besonders dringend, etwa Finanzen, Vertrieb oder Personal?
Fink: Jede Funktion einer Organisation muss sich jetzt grundsätzlich hinterfragen. Im Finanzbereich zum Beispiel wurde vielfach deutlich, dass Umsatz- und Gewinn-Szenarien oder Forecasts auf die kurzfristige Liquidität nicht ausreichend schnell und sauber gerechnet werden können. Und die Risikomanagementsysteme wurden bislang stiefmütterlich behandelt.  

BIM: Was fehlt im Risikomanagement?
Fink: Die Breite: Makroökonomische Daten hätten zum Beispiel spätestens im Dezember 2019 integriert werden können. Auf dieser Basis hätte das Topmanagement dann schon eine Vorahnung von der sich anbahnenden Krise gehabt. De facto aber reagierten die allermeisten Unternehmen erst im Februar oder März.  

BIM: Und die Lieferketten?
Fink: Hier sollte zum Beispiel geklärt werden, ob die Supply Chains stabil genug aufgestellt sind und auch in Krisenzeiten eine  Teileversorgung gewährleistet ist. Je nach Branche können auch die Fragen nach der Deglobalisierung respektive einer stärkeren Regionalisierung der Lieferketten relevant werden. Der globale «Teiletourismus» der Industrie bekam ja schon aufgrund der CO2-Kosten-Diskussion die ersten Risse.  

BIM: Befeuert vom erneuten Handelskonflikt zwischen den USA und China?
Fink: Auch bei diesen Friktionen wirkt die Corona-Krise als zusätzlicher Verstärker – mit Folgen vor allem in den Lieferketten der Unternehmen. Hinzu kommt die generelle Tendenz zur nationalen Abschottung und Kleinstaaterei innerhalb Europas, die ebenfalls schon vor der aktuellen Situation begann.  

BIM: Und was ist im HR-Bereich zu tun?
Fink: Der Gesundheitsschutz der Mitarbeiter zum Beispiel rutscht nun auf den Prioritätenlisten sehr weit nach oben. Insgesamt rückt die Ressource Mensch als wichtigstes Asset für die Unternehmen noch stärker in den Mittelpunkt der Transformationen – auch bezüglich neuer Kompetenzen und agilerer Zusammenarbeit. 

BIM: Kurioserweise laufen manche Beziehungen sogar besser als vor Corona,  etwa die mittels Videokonferenzen abgehaltenen Tarifverhandlungen.   
Fink: Wir lernen derzeit, dass trotz der Reisebeschränkungen viele Dinge in und zwischen den Unternehmen besser als zuvor funktionieren. Und es wird viel Zeit eingespart. Grundsätzlich muss entschieden werden, was von den Strukturen, die in der Krise notgedrungen schnell geschaffen wurden, auch künftig beibehalten werden soll.  

BIM: Auch in Richtung auf eine neue Unternehmenskultur?
Fink: Absolut. Nach dem Boom seit 2009 kehrt jetzt etwas mehr Demut und Kooperationsbereitschaft in die Wirtschaft ein. Das Verhalten von Führungskräften in einer Krise ist typischerweise kulturprägend für die Zukunft. Deswegen ist Leadership momentan und natürlich auch zukünftig von enormer Bedeutung.  

BIM: Welche Organisationsänderungen sind sinnvoll?
Fink: Es liegt beispielsweise im Trend, die crossfunktionale, an praktischen Problemen orientierte Kooperation zu stärken. Das bringt viele Vorteile wie etwa Geschwindigkeit und bessere inhaltliche Lösungen mit sich. Dieses neue Miteinander wird man nicht mehr so leicht hergeben. Starre Silos sind passé. 

BIM: Welche Technologien gibt es, um Organisationen fit zu machen?
Fink: Derzeit stehen natürlich Videokonferenzen im Vordergrund, weil die rein technisch kein Problem mehr sind. Komplexer wird es bei Themen wie Big Data und Künstliche Intelligenz: Da stellt sich die Frage, welche Daten zum Beispiel in ein Risikomanagementsystem einbezogen und mit einer Szenarioplanung unter Einbeziehung makroökonomischer Daten verbunden werden sollen. Denn der bisherige Ansatz vieler Unternehmen wird so nicht mehr funktionieren. Die Weltwirtschaft ist seit der Pandemie noch komplizierter und durch das unterschiedliche Wiederhochfahren der nationalen Volkswirtschaften auch diverser – was erhebliche Konsequenzen für die Planung etwa von Produktion und Vertrieb hat.  

BIM: Brauchen Planungs- und Steuerungssysteme deshalb zum Beispiel Künstliche Intelligenz?
Fink: Intelligente Szenariomodelle und Simulationstools, die Analysen mithilfe von Künstlicher Intelligenz und Big Data ausführen, werden entscheidend helfen. Wir haben zum Beispiel ein mathematisches Modell entwickelt («COIN-19.de»), das auf der Basis riesiger und mannigfaltiger Datenmengen – von detaillierten Pandemie-Zahlen über makroökonomische Daten bis hin zu Container-Bewegungen in Häfen und Flughäfen – individuelle Forecasts im Rahmen einer datenbasierten Entscheidungsunterstützung liefert. Damit lassen sich für einzelne Länder und Regionen realistische Vorhersagen berechnen.  

BIM: Wie geht es nun weiter, vor allem in Kernindustrien wie Fahrzeugbau?
Fink: In der Automobilindustrie gibt es über Corona hinaus mehrschichtige Pro-bleme zu lösen: Schon vor der Krise hatte sie die Herausforderung, die neue Technologie des Elektromotors in die eigene Produktentwicklung integrieren und gleichzeitig die bestehende Fahrzeugpalette stabil halten zu müssen. Mit Letzterer muss ja das Geld verdient werden, um überhaupt in Neues investieren zu können. Und parallel liefen bereits die Kostensparprogramme an.  

BIM: Und was macht der Mittelstand, der nach Jahren internationaler Expansion jetzt in der Klemme stecken?
Fink: Viele Zulieferer und Maschinenbauer zum Beispiel haben es während der Boomjahre versäumt, Strukturen und Prozesse sowie häufig auch Systeme dem starken Wachstum nachzuziehen. Dies müssen sie nun dringend nachholen.

* Heiko Fink ist Partner im Bereich Strategy & Transformation bei Horváth & Partners.

 

Quelle: BUSINESS INTELLIGENCE MAGAZINE, www.bi-magazine.net

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