BIM 01|2020

Editorial

Aktuelle Ausgabe
Wolf K. Müller Scholz, Chefredaktion

Brainpower.

Algorithmen entscheiden rein faktenbasiert – und deshalb besser als Menschen. Wenn Unternehmen ihre Manager entlasten wollen, sollten sie diese Technologie nutzen.

Vier Jahre ist es her, da öffnete mir der Leiter eines renommierten süddeutschen Software-Labors die Augen: «Unternehmen lassen sich mittels Künstlicher Intelligenz sicherer steuern als von Menschen.» Denn Algorithmen könnten, so fuhr er fort, anders als das menschliche Gehirn riesige Mengen an Daten aufnehmen und sie streng nach vorgegebenen Regeln verarbeiten – ohne Emotionen, die als quantifizierte mathematische Variablen auch in Optimierungsmodelle eingebunden werden könnten.

Ich staunte. Und glaubte ihm, denn schließlich bekam seine Hightech-Schmiede just zu der Zeit bereits die ersten Programmierungsaufträge von der Crème de la Crème der europäischen Wirtschaft – unter anderem zur Entwicklung betriebswirtschaftlicher Wertmodellierungen für automatisierte Kostensenkungen.

Heute werden derartige Programme in verschiedenen Formen schon häufiger in der Praxis eingesetzt. Am beliebtesten ist Robotic Process Automation (RPA) für regelbasierte Standardabläufe, wie zum Beispiel die Buchhaltung. Auch digitale Assistenten wie etwa Chatbots im Kundendienst sind mittlerweile weit verbreitet. Dagegen steckt die kognitive Automation mittels Maschinellem Lernen (ML) und Künstlicher Intelligenz (KI), beispielsweise zur Entscheidungsunterstützung, noch in den Kinderschuhen.


Künstliche Intelligenz statt Gefühle im Board-Room.
 
Aber immer mehr Unternehmen wollen Algorithmen einsetzen. Warum? Die Antwort liegt in der zunehmenden Komplexität und Geschwindigkeit der Wirtschaft, denen das menschliche Gehirn mit seinen natürlichen Begrenzungen immer weniger gewachsen ist: Bei Planungs- und Entscheidungsaufgaben, wie etwa der Steuerung einer Automobilfertigung oder einer Pharma-Logistikkette, müssen zigtausende Aktivitäten in einem optimalen mathematischen Modell mit hunderten Ressourcen verbunden werden. Für deren Zuordnungen gibt es Millionen von Alternativen. 

Weder ein Individuum noch eine Gruppe sind in der Lage, den Entscheidungsspielraum vollständig objektiv zu überblicken – selbst wenn komprimierte Daten vorliegen. Denn das menschliche Gehirn beschränkt sich im Zweifel immer auf plausibel erscheinende Optionen – und diese sind nicht zwingend die Besten. Hinzu kommt, dass der Mensch nach Erkenntnissen der Hirnforschung den Bärenanteil seiner Entschlüsse emotional trifft. Ein Bankvorstand und studierter Neurobiologe erklärte mir einmal, dass rund 90 Prozent der menschlichen Entscheidungen aus dem limbischen System des Gehirns kämen – der Schaltzentrale des Unterbewusstseins, über die menschliche Emotionen und Triebe wesentlich gesteuert werden.  

Zwar relativieren neue Studien diese Erkenntnis etwas, bestätigen aber, dass die weitaus meisten menschlichen Entschlüsse stark emotional gefärbt sind: Gefühle wie Sympathie und Abneigung, Angst, Gier oder Geltungsdrang spielen stets mit.

Diese irrationalen, oft sehr stark schwankenden Faktoren lassen sich im Management mithilfe von KI/ML eindämmen – bis hin zu Beschlüssen, die Algorithmen fassen. Zwei Beispiele:

Bei der Investmentfirma Deep Knowledge Ventures in Hongkong erhielt ein Computeralgorithmus, den das britische Softwarehaus Aging Analytics entwickelte, einen Platz im  Direktorium. Er heißt «Validating Investment Tool for Advancing Life Sciences» (Vital) und hat das gleiche Stimmrecht wie seine fünf menschlichen Kollegen. Bei zwei Investitionen in Biotech-Startups gab «Vital» bereits den Ton an;

Bridgewater Associates in Westport/USA, mit Kundengeldern in Höhe von 160 Milliarden US-Dollar einer der größten Vermögensverwalter der Welt, entwickelt eine sogenannte «Human Machine». Sie soll die eigenen Fondsmanager wie ein GPS-System führen – hundertprozentig faktenbasiert. Dieses Projekt namens «The One Thing» ist das Lieblingskind vom Gründer und CEO Ray Dalio.  

Derlei Pioniervorhaben weisen mögliche Wege zur Schaffung einer «Menschenmaschine», wie sie in dieser Ausgabe thematisiert wird. Ich wünsche Ihnen eine ideengebende Lektüre. 

 

Wolf K. Müller Scholz, Chefredaktion

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