BIM 03|2017

Editorial

Aktuelle Ausgabe
Wolf K. Müller Scholz, Herausgeber

Denkwendig.

Wer erinnert sich noch an Netscape? Das Unternehmen brachte Mitte der 1990er Jahre den ersten komfortablen Internet-Browser auf den Markt und so das Netzzeitalter auf Touren. Netscape war cool, so wie heute Snapchat.

Während meiner Jahre in Kalifornien pflegte ich regen Kontakt zu Co-Gründer Jim Clark, einem Freigeist, der seinen Job als Informatik-Professor als zu langweilig befunden hatte und serieller Unternehmer wurde: alle paar Jahre ein anderes Start-up aus dem Boden stampfen und an die Börse bringen, so auch Netscape.

Bei einem Treffen – ich glaube, es war im Café Borrone in Menlo Park – fasste er sein Lebensmotto wie folgt zusammen: «So lange an einem Platz hängen, wie es Spaß macht, dann weiterschwingen zum nächsten Ast.» Er nannte es «meine Orang-Utan-Philosophie».

Der stets hart arbeitende Clark meinte damit natürlich nicht die Lust auf Faulheit. Ihm geht es um das wache Sich-Treiben-Lassen im Strom ständig neuer beruflicher Gelegenheiten – und das entschlossene Zupacken, wenn es passt. Kürzlich erst gründete der mittlerweile 73-jährige Milliardär nach Jahren im Immobiliengeschäft seine x-te Hightech-Firma: CommandScape.

Unangepasster, manchmal «ver-rückter» Geist.
Clark verfügt über die grundlegenden Eigenschaften, die das psychosoziale Fundament nicht nur für das Silicon Valley oder die Berliner Start-up-Szene bilden, sondern generell für die globale Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft: Offenheit und Agilität, Mut (auch zu Fehlern) und Unkonventionalität. Technik und Geld  dagegen sind weniger entscheidend. Beides gibt es en masse.

Es kommt auf die Menschen an. Und zwar solche, die von einem echten innovativen (im Zweifel sogar eher unangepassten, manchmal durchaus «ver-rückten») Geist angetrieben werden. Sie sind die treibende Kraft unserer modernen digitalen Wirklichkeit. Sie nähren die – durch die allumfassende Computerisierung möglich gewordene – neue grenzenlose Fluidität sämtlicher Prozesse und Strukturen, sei es in den Märkten oder innerhalb der Organisationen: Veränderung statt Status quo, Netze statt Mauern, Win-Win statt Freund-Feind-Schema, Teams statt Kommandos, «Creative Walks» statt Sitzungen, Leistung statt Status.

An diese grundsätzlich anderen psychosozialen Muster der «New Economy» haben wir uns jüngst auch im eher konservativen deutschsprachigen Raum gewöhnt. Gewöhnen müssen: Denn die Wucht der neuen Wirtschaft fegt Stück für Stück auch die letzten Reste der betulichen «Old Economy» vom Tisch.

Der Leitgedanke dieser Dynamik ist nicht die Implementierung physischer Systeme – also etwa der Bau moderner Netze oder die Installation von Analytics-Software. Es ist vielmehr die neue digitale Denkweise. Tausende europäischer Manager schnupperten in den vergangenen Jahren daran, auf eigens organisierten Reisen ins Silicon Valley. (Heute reicht auch ein Trip nach Berlin.)

Und sie lernten: Es geht nicht allein um Fachwissen oder «Digital Natives», sondern in erster Linie um die mentale Weiterentwicklung und psychologische Öffnung der Fachkräfte und Entscheider, die ihren Job beherrschen, aber jetzt eine Erweiterung benötigen: im Sinne der genannten digitalen Charaktereigenschaften, auch der ständigen Bereitschaft zu Veränderungen.

Das Ende der «Chief Information Officer».
Viele Unternehmen begreifen das und schaffen zum Beispiel die technisch orientierten «Chief Information Officers» oder «Chief Digital Officers» auf der Topebene ab (siehe Deutsche Bank). Stattdessen nehmen die obersten leitenden Köpfe (CEO, Vorstandsvize oder CFO) die Digitalstrategie selbst in die Hand und induzieren über ihre Teams eine neue Kultur (siehe Daimler oder Talanx). Bei der besonders fortschrittlichen und deshalb so erfolgreichen Otto Group etwa heißt das: «Kulturwandel 4.0».

Wir nennen diesen Trend auf unserer Titelseite «Zweipunkteins», denn momentan wird in der zweiten Stufe der Digitalisierung das nächste Energiefeuer gezündet. Im Innenteil lesen Sie dazu Beispiele.

Ich wünsche Ihnen eine inspirierende Lektüre.

Wolf K. Müller Scholz

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