Metamorphose

Editorial

Aktuelle Ausgabe
Wolf K. Müller Scholz, Herausgeber

Metamorphose.

Als 1999 Paul Ormerods Buch «Butterfly Economics» erschien, kaufte ich es mir, las es wissbegierig – und legte es enttäuscht zur Seite. So ging es damals vielen Lesern. Des Autors Adaption der Chaosforschung für sozioökonomische Verhältnisse bot zu wenig Fleisch an den Knochen. Erst später entdeckte ich das Thema im Rahmen von Business Intelligence neu.

Der sogenannte Schmetterlingseffekt ist ein einfaches, aber treffendes Bild für den Wandel. Er beschreibt ein Universalgesetz: Kleinste Veränderungen der Anfangsbedingungen können große Auswirkungen auf das gesamte System haben. Wenn ein Schmetterling seine Flügel bewege, könne der so entstehende Luftwirbel einen größeren anstoßen, welcher womöglich einen noch größeren anstieße und so weiter. Ein Beispiel aus der Managementwelt wäre dies: Wenn ein wichtiger Stakeholder plötzlich stirbt, müssen dringend anberaumte Meetings verschoben werden; letztlich scheitert der geplante Deal und Millionenumsätze gehen verloren.

Derart lose Zusammenhänge genauer zu erfassen, lohnt sich für Unternehmen heute mehr denn je. Denn wir leben, bedingt durch die stürmische Entwicklung der Kommunikations-, Informations- und Verkehrstechniken, in einer extrem komplexen, von vielen verschiedenen Faktoren und Zufälligkeiten geprägten globalen Realität: Alles ist weltweit mit allem verbunden; viele Veränderungen geschehen plötzlich und hart; die Entwicklungen sind volatil und dynamisch. Zufälle, kleine Abweichungen, irreguläre Bewegungen können große, unerwartete Verwerfungen auslösen. Das zeigte bereits die Weltfinanzkrise von 2007 bis 2009.

Es verwundert mich, dass sich angesichts dieser neuen Wirklichkeiten das herrschende ökonomische Denken und Handeln – vom keynesianischen über das monetaristische bis hin zum neoklassischen – gegenüber damals nicht grundsätzlich verändert hat. Dynamische Systeme, nichtlineare Zusammenhänge und fraktale Realitäten sind in allen Denkschulen weitgehend Fremdwörter. Sie gehen von der Idee des ökonomischen Äquilibriums aus: Wenn ein System einmal durch einen Schock aus den Fugen gerate, renke es sich danach schon wieder ein.

Die Realität sieht zunehmend anders aus, wie etwa die sich verstärkenden Dauerkrisen in der EU, in Afrika und im Nahen Osten zeigen. Ständig neue, unerwartete Zuspitzungen wie zum Beispiel der Brexit verkomplizieren die Lage. Weitere könnten hinzukommen, etwa nach der Wahl in Frankreich, durch einen Wirtschaftskrieg zwischen den USA und China oder bei einem Zusammenbruch der bereits angeschlagenen europäischen Südostflanke (Süditalien, Griechenland und die angrenzende Türkei).

«Glattes Eis, ein Paradies für den, der gut zu tanzen weiß».
Es wird höchste Zeit, die immer größere Volatilität und Unsicherheit der politisch-ökonomischen Entwicklung mithilfe dynamischer Prognose-, Simulations- und Steuerungsmodelle tiefreichender zu analysieren. Derzeit beginnen viele Unternehmen damit, sich des Rechnens anhand adaptiver, nichtlinearer Algorithmen zu bedienen.  Es gibt heute auch fundierte Bücher, etwa «The Butterfly Defect» von Ian Goldin und Mike Mariathasan.

Die Mehrheit der CEOs ist laut Umfragen davon überzeugt, dass der Technologieeinsatz generell, besonders aber künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen ihre Organisationen noch effektiver und effizienter machen können: von der Digitalisierung der Produktions- oder Logistikprozesse über Sentimentanalysen bis hin zum Risikomanagement. Viele Topmanager wollen deshalb sogar erheblich mehr persönliche Arbeitszeit für diese Aufgabengebiete einplanen (siehe Titelthema ab Seite 9).  

Das ist klug. Denn im immer härteren Wettbewerb, in künftigen Disruptionen oder Krisen lassen sich Unternehmen mithilfe adaptiver Modelle sicherer steuern. «Glattes Eis, ein Paradies für den, der gut zu tanzen weiß», sagte Nietzsche. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine erkenntnisreiche Lektüre.

Wolf K. Müller Scholz

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