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Revolution in der Planung.

Die herkömmliche Unternehmensplanung reicht nicht mehr aus, um Organisationen in der immer dynamischeren Wirtschaft sicher zu steuern. Welche Möglichkeiten eröffnen die digitalen Techniken? Wolf K. Müller Scholz fragte den Planungsexperten Jörg Leyk.

BIM: Wohin geht es mit der Unternehmensplanung?
Leyk: Vor uns tut sich ein riesiger technologischer Wandel auf. Deshalb sollten wir uns zunächst einmal geistig freimachen von dem, was bislang die Unternehmensplanung prägt. Heute stehen uns unendlich schnelle Rechner mit unendlich großen Speichern zur Verfügung. Und alle Daten werden zunehmend automatisch miteinander verknüpft – und sind bei Entscheidungen auf Knopfdruck verfügbar. Das heutige Manko, dass die Unternehmen rund 80 Prozent der Arbeit in der Unternehmensplanung darauf verwenden, die Daten zu suchen und zu verbinden, wird bald der Vergangenheit angehören.

BIM: Was genau ist so neu?
Leyk: Wir haben heute eine technologisch getriebene Revolution, ähnlich wie damals zu Zeiten Henry Fords: Viele Leute damals konnten sich lediglich schnellere Pferde vorstellen. Aber der große technologische Wandel machte etwas ganz Neues möglich: das Automobil. Und das erforderte ein völlig neues Denken, auf das sich viele Menschen erst noch einstellen mussten.

BIM: Ebenso wie bei der heutigen Unternehmensplanung?
Leyk: Wir stehen heute vor unseren bestehenden Planungssystemen und überlegen, wie wir mit den neuen Technologien etwas verändern können. Da wir dies aber mit unserem alten Denken machen, ist der Ansatz schon von Grund auf falsch.

BIM: Warum?
Leyk: Weil das genauso ist, wie wenn Henry Ford sich überlegt hätte, wo sich die neuen technologischen Teile wie etwa Vergaser, Einspritzpumpe oder Tank bei Pferd und Postkutsche einbauen ließen.

BIM: Viele Entscheider sehen in den neuen computergesteuerten Planungssystemen eine Blackbox. Haben sie damit Recht, der neuen Technik nicht so richtig zu vertrauen?
Leyk: Heute steuern die Piloten die Flugzeuge bei der Landung ja auch nicht mehr allein. Das übernimmt weitgehend der Computer – ebenso wie etwa das Bremsen und die Beschleunigung beim ICE. Fehler entstehen heute meist erst dann, wenn der Mensch eingreift. Sollten wir also dem Menschen mit seinen letztlich begrenzten Fähigkeiten auch bei der Unternehmensplanung wirklich noch mehr vertrauen als einem unendlich schnellen Rechner mit Algorithmen und großem Datenspeicher? Ich glaube kaum.

 

"Von Algorithmen gesteuerte Unternehmensplanung"


BIM: Wird sich diese Einsicht letztlich durchsetzen?
Leyk: Für mich ist es nicht die Frage, ob die automatisierte, von Algorithmen gesteuerte Unternehmensplanung kommen wird, sondern wann und in welcher Geschwindigkeit.

BIM: Braucht es dazu auch ein neues Denken, ein neues Selbstverständnis im Management?
Leyk: Der Wandel vollzieht sich bereits. Denken wir 20 Jahre zurück, da haben CFOs noch nicht selbst am Computer gesessen, sondern sich alle nötigen Informationen geben lassen. Heute hat doch jeder Finanzchef sein Tablet und ruft sich alle nötigen Daten schnell selbst auf. Papiervorlagen gibt es kaum noch.

BIM: Helfen diese neuen, vernetzten Technologien letztlich auch, lineares, eindimensionales Managementdenken zu verhindern?
Leyk: Ja. Wir sollten uns dabei vom herkömmlichen ceteris paribus frei machen: Um uns herum bleibe alles stehen und nur unser Planungssystem entwickele sich weiter. Diese Annahme ist heute falsch. In unserer Umwelt entwickelt sich alles weiter – und zwar digital und hochgradig vernetzt. So gibt mir beispielsweise heute schon das Smartphone aufgrund aktueller Verkehrsinformationen vor, wann ich mit dem Auto von A nach B losfahren muss, um pünktlich anzukommen. Wieso sollte die Unternehmensplanung da hinterherhinken?

BIM: Weil zum Beispiel die kulturelle Transformation nicht gelingt?
Leyk: Warum sollte die Unternehmensplanung angesichts der sie umgebenden Revolution durch Smartphones und andere Technologien so weiter machen wie bislang? Warum sollte sie einem vergleichsweise einfachen Computer-Forecast nicht vertrauen? Immer mehr Organisationen machen es – mit Erfolg.

BIM: Inwiefern sollten Unternehmen dabei den Planungskontext verändern?
Leyk: Die Nutzung von Statistiken beispielsweise muss verändert werden: Heute nimmt die Unternehmensplanung in der Regel Vergangenheitswerte, versucht ein Muster zu entdecken und wendet es auf die Zukunft an...

BIM: ...womit wir wieder bei der Altlast der ceteris-paribus-Annahmen wären?
Leyk: Wenn ich das als Einzelunternehmen mache, mag eine isolierte Prognose ja vielleicht noch funktionieren. Aber alle anderen Unternehmen agieren und verändern sich schneller denn je; ebenso die Konsumenten. Werde ich dann als Unternehmen überhaupt noch Vergangenheitsdaten haben, die eine realistische Basis für die Zukunft liefern?

BIM: Wenig wahrscheinlich.
Leyk: Deshalb werden Unternehmen durch die Möglichkeiten der Digitalisierung viel mehr automatisieren und ihre Forecasts durch Algorithmen machen lassen. Und dies wird zu einer dynamischen Veränderung in der Unternehmensplanung führen – ähnlich wie in den Jahren direkt nach der Weltwirtschaftskrise 2009. Auch damals konnten die Unternehmen plötzlich altes Wissen nicht mehr nach vorn anwenden, weil es eine Eruption gab. Alle Unternehmen benötigen ein Instrumentarium, mit dem sie deutlich agiler und dynamischer steuern können.

 

"Drei große Baustellen"


BIM: Welche Handlungsfelder sind dabei besonders wichtig?
Leyk: Ich sehe durch die Digitalisierung drei große Baustellen für Unternehmen: Erstens sollte es nur noch eine Planungslösung im Unternehmen geben. Eine einheitliche Plattform ist zwingend erforderlich, um die Detaildaten zu verarbeiten, die benötigt werden, damit Algorithmen überhaupt funktionieren und Muster erkennen können. Zweitens sollten Unternehmen auf die bisherigen gekapselten Planungslösungen verzichten: die Kostenstellenplanung hier, die Artikelplanung da, die Vertriebsplanung dort. Das geht nicht mehr. Heute müssen diese Einzellösungen ineinandergreifen, damit die vielfältigen Abhängigkeiten und Wechselwirkungen in den Treibermodellen berücksichtigt werden können. Das Dritte sind neue Funktionalitäten zu künftigen, noch unbekannten Realitäten, also zum Beispiel „Predictive Analytics“. Bislang haben die meisten Unternehmen den Forecast manuell gemacht. In Zukunft macht das der Algorithmus. Und diese Funktionalitäten werden in der Software integriert sein. Ich werde mir dann als Anwender durch simple Klicks beliebige Szenarien auswerten lassen können.

BIM: Braucht es dazu in der Unternehmensplanung ein verstärktes Out-of-the-Box-Denken?
Leyk: Absolut. Was uns heute bei einer Neukonzeptionierung der Unternehmensplanung noch fehlt, ist das Infragestellen des Grundsätzlichen. Um im Bild mit dem Pferd und Henry Ford zu bleiben: Wir haben zwar schönere Sättel, nahrhafteres Futter, bessere Hufeisen. Aber gleichzeitig gibt es völlig neue Technologien, so wie damals das Automobil.

BIM: Welche Perspektiven eröffnen diese Innovationen grundsätzlich auf der Ebene des Topmanagements für die Unternehmensplanung?
Leyk: Angenommen, ich formuliere als Topentscheider künftig eine Willenserklärung für die Zukunft, also die Grundlage für die Unternehmensplanung. Würde ich das wirklich weiterhin so tun wie bisher: mit Kostenstellen, Kostenarten, Artikeln und all den anderen Details? Da bin ich mir nicht so sicher.

BIM: Können wir also bald die klassische Unternehmensplanung über Bord werfen?
Leyk: In den meisten Fällen reicht es künftig wahrscheinlich aus, wenn ich als CEO oder CFO das Ziel in Form eines bestimmten Ergebnisses setze. Und den Rest steuere ich nur noch über Predicitive Analytics und mit Maßnahmen.

 

"In der Unternehmensplanung fehlt das neue Zielbild"


BIM: Benötigen Topmanager dafür eine besondere Visionskraft?
Leyk: Was im Augenblick in der Unternehmensplanung fehlt, ist das neue Zielbild. Die neuen Technologien, die neuen Werkzeugkästen reichen nicht aus.

BIM: Würden Sie sagen, dass sich die Unternehmensplanung zum ersten Mal seit ihrer Begründung durch McKinsey in den 1920er Jahren in einer fundamentalen Krise befindet?
Leyk: Sie steht vor großen Herausforderungen. Was geschieht denn in der heutigen Unternehmensplanung? Manager reden mit unendlich vielen Leuten (nutzen also, bei genauerer Betrachtung, eine Art von Schwarmintelligenz). Dann versuchen sie aus den gesammelten Einzelbildern ein konsistentes Bild über die Zukunft des Unternehmens in den nächsten 12 Monaten zu generieren.

BIM: Damit stellt sich die Frage, ob Entscheider diese Einzelbilder noch bei Menschen sammeln oder besser ein stimmiges Gesamtbild mithilfe intelligenter Maschinen generieren sollten?
Leyk: Ja, vielleicht weiß die mit Big Data gefütterte Maschine das ja wirklich schon viel besser: aufgrund der Äußerungen aus sozialen Netzwerken, von Experten oder Wettbewerbern. All diese Informationen können intelligente Maschinen automatisch und schnell aufbereiten – und dem Management ein realistisches Szenario der künftigen Situation liefern.

BIM: Würde damit die klassische Unternehmensplanung überflüssig?
Leyk: Das ist natürlich sehr weit nach vorn gedacht. Meiner Einschätzung nach wird es in den nächsten fünf Jahren noch nicht der Fall sein. Aber wir müssen uns darauf vorbereiten, dass mit der Digitalisierung ein echter „Game Changer“ kommt.

 

Predictive Analytics & Hochfrequenzentscheidungen


BIM: Auf welche Vorboten sollten Manager achten?
Leyk: Sie sollten auf die Wettbewerber schauen: Einige Unternehmen gehen zum Beispiel beim heute noch kleinen, relativ jungen Thema „Predictive Analytics“ bereits ein Stück weit voran. Auf unserer jüngsten Planungsfachkonferenz wurden erprobte Best Practices vorgestellt. Auch sollten Unternehmen Sorge tragen, dass zum Beispiel die Controller künftig mehr auf dem Feld der Statistik ausgebildet werden. Und die Business Intelligence-Anwendungen sollten Funktionalitäten wie „Predictive Analytics“ integriert haben.


BIM: Wie verändert das die Lenkung von Organisationen?
Leyk: In manchen Unternehmen wird bereits von Hochfrequenzentscheidungen gesprochen, die auf der Grundlage eines Forecast-Horizonts von bis zu einem Monat, höchstens drei Monaten getroffen werden.

BIM: Und was wird dann aus der langfristigen Unternehmensplanung?
Leyk: Auf diesem Gebiet werden zunehmend Simulationen und Szenarien ins Spiel kommen, die mit statistischem Wissen angereichert sind.

BIM: Was die heutige Unternehmensplanung zusätzlich verändert?
Leyk: Absolut. Denn wenn ich als Entscheider täglich auf den Knopf drücken kann, um in wenigen Sekunden einen automatisierten Forecast oder eine mittelfristige Simulation für eine bestimmte Frage zu erhalten und sofort agieren kann: Brauche ich dann überhaupt noch herkömmliche Pläne?

BIM: Operative Pläne wohl weniger, aber doch wohl weiterhin strategische?
Leyk: Unbedingt, denn die Strategie beinhaltet ja die Willenserklärungen des Topmanagements. Aber all die detaillierten Planungszahlen werden dann nicht mehr benötigt.

 

Leyk        Zur Person:
Jörg Leyk beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren intensiv mit den Themen Planung und Budgetierung. Der gelernte Diplom-Ökonom arbeitet als Partner bei der Unternehmensberatung Horváth & Partners im Competence Center Controlling & Finance.

 

 

 

Quelle: BUSINESS INTELLIGENCE MAGAZINE, www.bi-magazine.net

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